Saison 2020 - 2021

 

 

11.11.2020

Amy Baserga: «Ich versuche, meine Träume zu leben und nicht auf später zu verschieben»

Für einen Saisonrückblick und eine -Vorschau fand Amy Baserga zwischen ihren Trainingseinheiten den Weg nach Lachen an den Zürichsee. (Bild: Franz Feldmann)

 

Die Einsiedler Biathletin Amy Baserga schaut auf eine erfolgreiche vergangene Saison zurück. Gleichzeitig bereitet sie sich auf den kommenden Winter vor. In diesem Jahr ist aus persönlichen Gründen alles ganz anders.

Amy Baserga sitzt im Café. Abgemacht ist ein Interview als Saisonvorschau für den kommenden Winter. Bestellt ist ein Cappuccino. Dieser kommt mit einem Schokoladepulverherz schmuck verziert. Das Mikrofon wird als Vorbereitung an der auffälligen, roten Swiss-Ski Jacke montiert. Das Gespräch wird mit Baserga vorbesprochen, es soll ums Sportliche gehen. Wie üblich. ‹Wie üblich› verläuft das Gespräch nur zu Beginn.

«Nein, kaufen kann ich mir mit meinen vergangenen, sportlichen Erfolgen für die Zukunft nichts», antwortet sie professionell mit fester Stimme auf die entsprechende erste Frage. «Aber die bisherigen Resultate geben mir Kraft, immer wieder zu trainieren mit dem Ziel, weiter Erfolg zu haben», ist sie sich bewusst. Schaut man auf Basergas Resultatblatt, stechen viele Siege der jungen Athletin auf der Loipe und im Schiessstand ins Auge. Aber nur einmal Jugendweltmeisterin oder einmal eine Medaille an einer Junioren-WM wie in diesem Jahr auf der Lenzerheide zu gewinnen, das reicht der ambitionierten 20-jährigen Biathletin aus Einsiedeln nicht. «Klar, mein Ziel ist es, in den Weltcup zu kommen», sagt sie mit klarem Blick über die Cappuccino-Tasse hinaus. Dafür trainiert sie täglich, momentan in Davos, aber auch zuhause.

 

An der Junioren-WM in der Lenzerheide gewann Baserga Bronze im Einzelwettkampf. (Bild: Franz Feldmann)

Erfolgreichste Juniorin

Gerne blickt sie auf den letzten Winter zurück. «Ich durfte drei Kristallkugeln am Ende der Saison in Empfang nehmen.» Das freut sie und macht sie stolz. Den Gesamtsieg im Biathlon Junior-Cup sowie zwei von drei Disziplinen als Erste beendet, das ist ein starker Leistungsausweis. Eigentlich müsste man meinen, Amy Basergas ultimatives Ziel ist es, in der kommenden Saison diese Erfolge zu bestätigen. Eigentlich.

«Plötzlich ist der Sport das Allerletzte, woran ich denke.»

Nicht nur, dass die Rennen der Internationalen Biathlon Union IBU für den Winter 20/21 auf Messers Schneide stehen, auch andere Erfahrungen in Amy Basergas Leben in diesem Sommer haben auf die ehrgeizige und erfolgreiche 20-Jährige einen bleibenden Eindruck, in ihr tiefe Spuren hinterlassen. «Plötzlich ist Biathlon, mein ganzer, sportlicher Lebensinhalt, das Allerletzte, woran ich denke», sagt sie nachdenklich. «All das Sportliche rückt in den Hintergrund, der Fokus wird von einem Moment auf den anderen ein ganz anderer.» Amy Baserga wird nachdenklicher. «Momentan ist es mein Ziel, überhaupt die Kraft zu haben, ein Rennen zu laufen.»

Auf einmal war alles anders

Es war der 15. August, als für Amy vieles anders wurde, als die Welt für einen Moment stehen blieb. Ihr Freund, Nachwuchs-Mountainbiker Lucas Schmid, verunfallte mit seinem Motorrad tödlich. Nur gerade zwei Wochen, bevor die beiden 20-Jährigen in Lenzerheide zusammengezogen wären. Keine einfache Situation für Baserga. Diese traurige Nachricht galt es zu verarbeiten. Sie stürzte sich in der Folge wie wild ins Training. «Das würde ich, im Nachhinein betrachtet, anders machen», schaut sie mit traurigem Blick zurück. Mehr Zeit für sich hätte sie gebraucht, anstelle zu trainieren. Das ist sie sich jetzt bewusst. «Aber ich bin ein Mensch, der in allem das Positive sucht», gibt sie sich kämpferisch. Sie erfährt positive Unterstützung beider Familien und auch ihrer Trainer. Sie ist sich sicher: «Lucas hätte gewollt, dass ich weitermache.»

Waren ein Herz und eine Seele: Amy Baserga und Lucas Schmid

 

Die beiden verband ein Leben voller Abenteuer, voller spontaner Erlebnisse. «Wir können für uns behaupten, dass wir unsere Träume immer wieder gelebt und nicht auf später verschoben haben.» Das macht den jetzigen Moment nicht einfacher, die Erinnerungen sind noch zu nah. Deshalb ist auch zu verstehen, dass ihre andere Herzensangelegenheit, der Biathlon, zwischenzeitlich in weite Ferne gerückt ist. «Ich übe den Sport ja nicht aus, um viel Geld zu gewinnen oder berühmt zu werden», sinniert Baserga, den Cappuccino immer noch nicht getrunken, das schaumige Schoggiherz noch unberührt. «Ich liebe diesen Sport, ich liebe den Wettkampf.» Einfach nicht gerade jetzt. Den Kopf zu lüften, das hat sie schon immer gebraucht. Das ist nicht immer einfach für ihre Trainer, nicht für ihre Teamkolleginnen und -Kollegen. Aber auch genau daraus schöpft sie immer wieder Kraft.

«Ich übe den Sport ja nicht aus, um möglichst viel Geld zu verdienen oder berühmt zu werden.»

Denn viel wird im Kopf entschieden, wie fast überall im Spitzensport. Und das ist ihre Stärke, aber eben auch, wie in diesem Fall, könnte es zu einem Boomerang werden. Das ist dann, wenn ihr ob der Ereignisse in diesem Sommer die mentale Kraft ausgeht. Körperlich ist sie bereit, hat viel und gut trainiert. So weiss Amy Baserga noch nicht, an welchen Rennen sie starten wird. Das wird sie spontan entscheiden, denn «einfach so mitlaufen» will sie nicht. Die Frage, ob diese Rennen überhaupt stattfinden können, kümmert sie nicht, denn diese liegt ausserhalb ihres Einflussbereichs. Sie trainiert weiter. Sie will dann bereit sein, die Leistung bringen können, sollten die Rennen stattfinden.

Dabei könnte für Baserga die kommende Saison eine werden, die sie sportlich näher an den Weltcup brächte. Nach den sehr guten Wettkämpfen im Alpencup und im IBU-Cup im letzten Winter wäre es vorstellbar gewesen, dass Baserga probehalber schon im Weltcup hätte eingesetzt werden können. Das alles spielt momentan keine Rolle. «Ich darf altershalber nächstes Jahr noch an den Juniorinnen-Weltmeisterschaften starten», blickt sie voraus. Die wären Ende Februar Anfang März im österreichischen Obertillach angesetzt. Da wieder mindestens eine Medaille zu holen, tönt auch für Amy Baserga verlockend. «Alles andere kann warten, das läuft mir ja nicht davon.» Das tönt gut, vielversprechend und sicher auch ein bisschen kämpferisch. Damit lehnt sich Amy Baserga zurück, streift sich das Mikrofon ab. Endlich gibts einen Schluck Cappuccino. Der ist jetzt kalt. Macht nichts.

 
Franz Feldmann, Sportredaktion March24 & Höfe24